Die Kleine Fee



Eine Geschichte von Saron

Es war ein sehr kalter Tag und weiße Schneeflocken tanzten in der Luft und setzten sich leise und sanft auf die Äste der Bäume, als ein kleiner Troll durch den Winterwald stampfte und an die Türen der Feen klopfte.
Die Haselfeen bauten gerade gemeinsam mit den Brombeerfeen kleine Schiffchen aus den Schalen der Haselnüsse, als sie das Pochen an der Pforte hörten. Eilig öffneten sie die Tür und herein geweht wurde der kleine Troll mit einem Schwall wirbelnder Flocken. Schnell schlossen sie die Tür wieder und schauten den unverhofften Gast erwartungsvoll an.
„Ich bin gekommen“, begann er und wischte sich noch etwas Schnee aus dem Gesicht, „ich bin gekommen, um Bescheid zu sagen, dass die Kleine Fee......“, er unterbrach sich und klopfte sich seinen Wams ab. Ungeduldig und neugierig, wie es Feen nun einmal sind, riefen alle durcheinander: „Nun sag schon, guter Troll, was ist mit der Kleinen Fee? Ist ihr etwas passiert? Sollen wir helfen? Geht es ihr gut?“ Denn bei den Feen ist es wie bei den Menschen: von einer unerwarteten Nachricht denkt man erst einmal, dass es eine schlechte sein könnte. „Nein“, antwortete der Troll und genoss es, so im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, und um das auszunutzen, sagte er erst einmal: „Etwas ganz anderes wird mit der Kleinen Fee geschehen. Bald, sehr bald...“ Nun aber war die Geduld der Feen am Ende und sie gaben ihm einen kleinen Feenschubs, denn sie konnten und wollten nicht länger auf die Antwort warten: „Jetzt sag schon, was passiert bald mit ihr?“ Dann wurde es ganz still.



Sie hat Geburtstag!“ flüsterte er und lachte verschmitzt. Da brach ein Jubel los. „Das ist schön, das ist schön! Wir schenken ihr etwas!“ riefen die Feen wie im Chor, klatschten in die Hände und einige flogen vor Aufregung im Raume auf und ab. Denn bei den Feen ist es so, wie es auch bei den Menschen sein sollte: sie behandeln andere meist so, wie sie selbst gern behandelt werden möchten und so lassen sie keine Gelegenheit aus, anderen eine Freude zu machen. Aber dann verschwand die Freude plötzlich und alle sahen sich betroffen an. „Schenken? Was sollen wir ihr denn schenken“ fragte Haselfee, die einst ihre Schwestern vor dem sicheren Hungertod bewahrt hatte, und man sah viele ratlose Gesichter.„Deswegen bin ich ja hier, weil ich eine Idee habe!“ rief da der kleine Troll, der sich nun ganz groß und wichtig vorkam, was ja gelegentlich auch ganz nützlich sein kann.
Seht einmal aus dem Fenster: obwohl es schon Frühling ist, ist der Winter zurückgekommen und überall liegt noch Schnee. Die kleinen Blumen sind unter ihm vergraben und können nicht blühen. Was haltet ihr davon, sie in unsere Wohnungen zu holen und dort im Warmen zu pflegen, bis sie zu blühen beginnen und dann... “

Er zögerte, tat sehr geheimnisvoll und sagte stolz: „Dann stellen wir am Geburtstag alle Blumen vor das Haus der Kleinen Fee und pflanzen sie dort ein!“ - „Au fein!“ riefen die Haselfeen und die Brombeerfeen ergriffen sofort Eimerchen und Schaufeln, zogen sich warm an und machten sich auf in den Wald, um Frühlingsblumen zu suchen.
Aber sie blieben nicht lange alleine, auch die Fliederfeen, die Rosenfeen und sogar die erhabenen Lilienfeen gesellten sich zu ihnen und jede gab Acht, dass sie bei ihrer Suche nicht von der Kleinen Fee gesehen wurde. Denn Geheimnisse sind nur so lange aufregend, wie sie im Herzen bewahrt werden und auch die Liebe hat ihre Zeit, da sie dem anderen entdeckt wird.
So sammelten sie die kleinen gelben, roten und blauen Primelchen, die ersten Gänseblümchen, hier und da ein paar violette Stiefmütterchen vom Lachsbach und sogar einige Osterglocken, die an dem Weg, der zu den Menschen führt, wachsen. Einmal sahen sie auch die Kleine Schwarze Fee, mit der man weder spielen, geschweige denn reden durfte, hinter einem Baum stehen und traurig dem Feentreiben zugucken. Zu Hause wurden dann alle Blumen sorgsam in große und kleine, dicke und dünne Töpfe gepflanzt und die Feen liefen an jedem Tag viele Male hin und schauten, ob die kleinen Blüten schon aufgegangen, die Blätter noch grüner geworden oder die Pflänzchen gar ein wenig gewachsen waren. Und obwohl draußen noch Schnee lag und der Ostwind durch den Wald heulte, war es bei ihnen drinnen warm und wurde immer bunter und das machte sie von Tag zu Tag fröhlicher, so dass sie bald das Wetter vor ihrer Türe vergaßen.
Endlich war es dann soweit: In Nacht vor dem Geburtstag trugen sie alle ihre Blumen vor den Höhleneingang der Kleinen Fee, räumten mit ihren frierenden Händchen den Schnee zur Seite bis ihre Fingerchen klamm vor Kälte waren und als die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Bäume des Waldes schickte, erhoben die vielen bunten Blumen ihre leuchtenden Köpfchen und es sah so schön aus, dass selbst die Schrate anerkennend nickten. Tränen der Freude glänzten in den Augen der Kleinen Fee, als sie vor ihre Höhle trat und die liebevolle Pracht sah.
„Warum habt ihr das alles für mich so wunderschön hergerichtet?“ fragte sie aufgeregt.
Weil wir dich liebhaben!“ riefen die Wesen des Waldes, die gekommen waren, um diesen Anblick nicht zu verpassen, „Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag!“
„Danke, Danke!“ rief die kleine Fee und lud alle ein, hereinzukommen und sich bei einem kräftigen Frühstück zu stärken.


Nur ein kleiner Troll stand noch allein zwischen all den Blumen.

Ich hab Dich doch auch lieb!“ flüsterte er leise
und eine gelbe Osterblume, die gerade in seiner
Nähe stand, lächelte ihn an.

Da folgte er glücklich den anderen.

© P. Eitner 2001

Für die Kleine Fee Anna Lilja



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