Der kleine Stern


Eine Geschichte von Saron

Kommt schnell!“, rief eine kleine Vergissmeinnichtfee den anderen Feen zu, die sich an diesem Tag zum Bach aufgemacht hatten, um ihre wunderschönen Kleider zu waschen. „Im Wald liegt etwas ganz Merkwürdiges, es glitzert und funkelt wie die Sonne, aber ich glaube, es ist gar keine Sonne!"
Sofort liefen alle aufgeregt durcheinander und redeten beunruhigt aufeinander ein. Denn dass eine Sonne oder wenigstens etwas, das ihr ähnlich sah oder vielleicht ein Stück von ihr im Wald liegen solle, ließ keinen bei seiner Arbeit verharren und nachdem sich das Durcheinander ein wenig gelegt hatte, machten sich alle auf den Weg in den Wald, einer hinter dem anderen, oder sollte ich sagen: eine hinter der anderen, denn es war sehr hübsch anzusehen, wie eine Fee im schönen Kleid der anderen in einem noch schöneren folgte.
Voran zog natürlich die Vergissmeinnichtfee, denn Neugierde führt schneller zum Ziel, wenn man einen kundigen Führer hat. Das ist bei den Feen nicht anders als bei den Menschen.

Endlich kamen sie in das kleine Tal, wo die Birken wachsen und da konnten nun alle das Wunder bestaunen:
Es glitzerte, funkelte und strahlte so aus dem Moos heraus, dass das Tal in der Dämmerung viel heller schien als sonst. „Was ist das?" Die Lilienfeen schauten die Rosenfeen an, diese sahen zu den Brombeerfeen, aber auch die zuckten mit den Schultern. "Lasst uns doch näher herangehen und nachschauen!" , sagte ein Troll, denn Nachrichten verbreiten sich so schnell im Wald wie bei den Menschen, zumal wenn sie spannend sind oder ganz und gar unglaublich zu sein scheinen. So hatten sich sofort etliche Trolle und sogar zwei Schrate aufgemacht, damit sie ja nichts verpassen und ihre Meinung zu dem Fall beisteuern konnten. „Ich trau mich nicht!" ,rief die kleine Vergissmeinnichtfee ängstlich, „vielleicht ist das helle Ding heiß und ich verbrenne mich!" Die anderen Feen stimmten ihr kopfnickend zu.

Papperlapapp," knurrte ein Troll, „ihr Feen könnt nur spielen und seid schön anzusehen, aber wenn es Probleme gibt, bringt ihr nichts zustande!" Vorsichtig ging er näher an das Leuchten heran, bückte sich, hob es mutig auf und..... musste schallend lachen. „Ein Stück Sonne? Nein, das hier ist ein kleiner goldener Stern, den irgend ein Mensch verloren haben mag, und das Glitzern kommt von den Steinen, vielleicht..." , und er schaute sich den Stern noch einmal ganz genau an, „vielleicht sind das Diamanten!"

Gold?" ,riefen die Feen entzückt, „Diamanten? Dann kommen gute Zeiten, dann sind wir ja reich!" -„Warum seid ihr reich?" ,entrüstete sich der Troll, „ich habe den Stern aufgehoben, ich war so mutig, also gehört er jetzt mir!" - „Dir, du dummer Troll?“ ,empörten sich einige Feen, „eine von uns hat ihn gefunden. Uns gehört er, uns ganz alleine!" Und zwei Holunderfeen regten sich so auf, dass sie dem Troll den Stern aus der Hand schlugen, bevor die Vergissmeinnichtfee einwenden konnte, dass sie den Stern doch ganz alleine gefunden habe, er also folglich ihr gehören müsse. Und da war schnell der größte Streit im Gange, einige Trolle zerrten so an den Kleidern der Feen, dass diese zerrissen, etliche Feen kreischten herum, andere schubsten sich gegenseitig zur Seite und manch eine trug gar eine kleine Verletzung davon.
Denn leider verändert die Gier nach Geld und Gold nicht nur die Menschen, sondern auch so manche Fee: aus Freunden werden Feinde, der Nächste wird verraten und gegen den Nachbarn Streit angezettelt, wenn es darum geht, ein wenig mehr zu besitzen als der andere.
Und wer weiß, wie lange der Streit noch gedauert hätte, wäre nicht Elfenkind des Weges gekommen. Sie hatte das Geschrei gehört und sich geradewegs, nichts Gutes ahnend, aufgemacht, die Ursache des Tumultes zu ergründen.
„ Was ist denn hier los?“ ,rief sie erschrocken in das Durcheinander hinein. Sofort wichen Feen und Trolle auseinander. Einige schauten betreten zu Boden.

Die Feen haben angefangen!“, meinte einer der Trolle zu seiner Entschuldigung sagen zu müssen, denn bei einem Streit haben ja stets die anderen die Schuld.
Aber Elfenkind bückte sich und hob den kleinen Stern aus dem Moos auf. Da wurde es ganz still, als sie fortfuhr: „Ich verstehe: in eurer Gier habt ihr alle guten Gebote des Waldes vergessen und euch schlechter benommen als so mancher Mensch. Ich schäme mich für euch!“ Da liefen einer kleinen Holunderfee zwei Tränen die Wange hinunter und selbst die stolzen Lilienfeen schauten bedrückt drein, denn sie schämten sich nun auch. Nur der grüne Troll schaute Elfenkind an und sagte listig: „Was wird denn nun aus dem Stern, wem soll er gehören?  Bestimmt willst du ihn gerne selbst für dich haben. Er steht dir sicher gut!“ Da ging ein Raunen durch den Wald und es wurde noch etwas dunkler in dem Tal. Wie konnte es jemand wagen, Elfenkind zuzutrauen, dass sie etwas für sich haben will, wo sie doch stets darauf bedacht ist, dass es den anderen gut geht? Und beinahe wäre der Streit wieder von vorne losgegangen, denn die Feen begannen, die Trolle zu beschimpfen, hatten sie doch ganz vergessen, dass sie eben noch selbst ein Unrecht begangen hatten, und es lenkt schnell von den eigenen Fehlern ab, wenn man mit Fingern auf andere zeigt.
Doch Elfenkind sah den Troll an und sagte ruhig: „Nein lieber Troll, ich werde ihn ganz gewiss nicht nehmen, denn schöne Dinge sind für alle da und sie werden noch wertvoller, wenn viele ihre Freude daran haben!“
Doch der Troll blieb hartnäckig und erwiderte: „Und wie soll das gehen? Wie soll dieser kleine Stern uns allen Freude machen? Es kann ihn doch immer nur einer tragen!“ - „ Das ist einfacher, als du denkst!“ ,lachte Elfenkind, „Holt den Schmetterling!“
Entsetzt rümpften einige Feen die Nase. „Den Schmetterling, der Flügel hat wie wir, aber aussieht wie eine dicke Raupe mit Fühlern?“ - „Genau den", sagte Elfenkind und so flogen drei Himbeerfeen los, denn wenn Elfenkind etwas sagt, muss man es tun, ob es einem nun gefällt oder nicht.
So holten sie den Schmetterling, den die meisten Feen nicht sehr mochten, weil er zwar Flügel hatte wie sie, aber ihrer Meinung nach an die Schönheit der Feen nicht im Mindesten heranreichte. So hatte er sich an den Rand des Waldes zurückgezogen, um ihrem Spott ein wenig zu entgehen.

Als er nun herbeigeflogen war, setzte er sich auf eine Moosblume und alle warteten gespannt, was jetzt geschehen würde. Da nahm Elfenkind aus der Tasche ihres Kleides eine dünne, glänzende Schnur, die geflochten war aus den unerfüllten Wünschen der Menschen, befestigte den kleinen Stern daran und hängte die Schnur dann dem Schmetterling um den Hals. „Flieg Schmetterling!" rief sie, „lass den Stern leuchten über dem Wald!" - Ganz aufgeregt vor Freude, eine so wichtige Aufgabe bekommen zu haben, erhob er sich, und drehte einige Runden über dem Tal. Der kleine Stern funkelte und strahlte so schön, dass die Feen begeistert klatschten und sogar die Trolle zustimmend nickten „Vielleicht wird es jetzt ja ein wenig heller im Wald, dann können wir die Rosenfeen besser ärgern!", meinte ein Bergtroll, der sich inzwischen zu den anderen gesellt hatte. „Wie schön du aussiehst, lieber Schmetterling!" riefen die Feen. „Du musst jetzt oft über unseren Wald fliegen. Verzeih uns, wenn wir nicht nett zu dir waren, aber nun haben wir dich lieb!" Der so Angesprochene wusste gar nicht, wie ihm geschah, denn eben hatte ihn noch niemand gemocht, und jetzt klatschten alle für ihn.
Was doch so ein Stückchen Glitzergold ausmacht, dachte er und rief dankbar zurück: „Danke ihr Feen, ich habe euch auch lieb!" Und er wollte zu Elfenkind fliegen, um auch ihr zu danken. Aber sie war schon wieder in den Wald gegangen.
Da begaben sich auch die Feen in ihre Baumwohnungen und die Trolle, die im Feenwald lebten, krochen in ihre Höhlen.
Nur der Schmetterling flog noch eine ganze Weile mit dem Stern über den Bäumen.

Und wenn es gerade dunkel ist, dann laufe zum Fenster und sieh hinaus.
Da ganz hinten über dem Wald, oben am Himmel, bewegt sich ein kleines Licht.
Das ist sicher der Schmetterling mit seinem Stern!

Für Maria, die in dem Haus mit den alten Sachen lebt.

©2004P.Eitner